»Meine Spezialität ist
das Besondere.«

Juli Gudehus

Gestaltung für den Arsch

Wo Men­schen frü­her alles Mög­li­che ein­ge­setz­ten, um nach der Not­durft ihr Gesäß zu rei­ni­gen, ist seit der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­dert das Toi­let­ten­pa­pier von der Rol­le welt­weit Stan­dard gewor­den, erfun­den von Hans Klenk (Hak­le, 1.000-Blatt-Rolle).

Beschaf­fen­heit

Toi­let­ten­pa­pier gibt es in ver­schie­de­nen Qua­li­tä­ten. Schlech­tes­te Qua­li­tät ist nahe am Kreppa­pier, meist aus recy­cel­tem Mate­ri­al, gute Qua­li­tät besteht aus beson­ders saug­fä­hi­gem, zar­tem Tis­sue­pa­pier. Toi­let­ten­pa­pier hat in der Regel eine glat­te Ober­flä­che, ist jedoch gele­gent­lich mit Prä­gun­gen ver­se­hen, teils aus Grün­den der Sta­bi­li­sie­rung des Papiers, teils um das Wischen noch effe­ki­ver zu machen, teils aus Deko­ra­ti­ons­grün­den. Hier zei­gen vor allem die Schwei­zer eine deut­li­che Vor­lie­be für Toi­let­ten­pa­pier mit Nop­pen. Wäh­rend zum Bei­spiel Deut­sche die Qua­li­tät an der Anzahl der Lagen bemes­sen, und gern kür­ze­re Strei­fen benut­zen, ist US-Ame­ri­ka­nern, Eng­län­dern und Japa­nern wich­tig, dass das Toi­let­ten­pa­pier mög­lichst zart und fein ist. Sie benut­zen län­ge­re Strei­fen von Toi­let­ten­pa­pier in einer Art Biskittechnik.

For­mat

Das For­mat der ein­zel­nen Toi­let­ten­pa­pier­blät­ter, die sich durch eine Per­fo­ra­ti­ons­li­nie von­ein­an­der tren­nen las­sen, vari­iert natio­nal. In Deutsch­land, Hol­land, Frank­reich, Polen, Schweiz ist zum Bei­spiel etwa Post­kar­ten­grö­ße Stan­dard (ca. 100 × 140 mm), also etwa Din-For­mat. In Eng­land ist das übli­che For­mat bereits etwas brei­ter, ca. 115 × 135 mm. Das extrems­te mir bekann­te Quer­for­mat ist 115 × 102 mm (Thai­land), das extrems­te mir bekann­te Hoch­for­mat (nicht mit­ge­zählt Toi­let­ten­pa­pier­rol­len ohne jeg­li­che Per­fo­ra­ti­on) ist 100 × 366 mm (Wer­be-Toi­let­ten­pa­pier von Schmidt Spie­le, Deutschland).

Far­ben

Für den Fond herr­schen außer den Natur­tö­nen zwi­schen Weiß und Grau oder Beige Pas­tell­tö­ne vor: Rosa, Apri­cot, Hell­gelb, Hell­blau, sel­ten Blass­li­la, Blass­grün, nie jedoch sat­te Far­ben wie Schwarz, Wein­rot, Neon­grün, Königs­blau, etc. Das Papier ist in die­sen Fäl­len immer durch­ge­färbt. Flä­chig bedruck­tes Toi­let­ten­pa­pier ist unüb­lich. Umwelt­be­wuss­te ach­ten dar­auf, dass ihr Toi­let­ten­pa­pier unbe­druckt ist, und bil­li­gen allen­falls den Auf­druck, dass es sich um – eben – umwelt­be­wuss­tes Toi­let­ten­pa­pier han­delt. Wenn es einen Auf­druck gibt, ist er meist ein­far­big. Nur sehr edles Toi­let­ten­pa­pier wird zwei- oder sogar mehr­far­big bedruckt. Beliebt ist hier wie­der­um: Rosa und Rosa­rot, auch Blau, das zusam­men mit dem wei­ßen Unter­grund so schön hygie­nisch aus­sieht, sel­te­ner Lila, Oran­ge, Braun oder Grün.

Dekor

Ger­ne wird Toi­let­ten­pa­pier mit Mus­tern ver­se­hen. Bei den Mus­tern han­delt es sich in den meis­ten Fäl­len um »Streu­mus­ter«, das heißt ein Motiv wird mehr­fach (unre­gel­mä­ßig) über die Flä­che ver­teilt (»ver­streut«). Strei­fen gibt es – aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den – so gut wie kaum, auch Pünkt­chen­mus­ter sind sel­ten. Gele­gent­lich haben Toi­let­ten­pa­pie­re eine Prä­gung im Kro­ko­dil­mus­ter, Wel­len-, Kreis- oder Karo­va­ri­an­ten. Das schließt nicht aus, dass sie auch zusätz­lich noch bedruckt sind. Durch­gän­gi­ge Orna­men­te gibt es so gut wie nicht.

Moti­ve

Vor­herr­schend ist alles, was weich und flau­schig asso­zi­iert wird, als da wären: Bären, Kat­zen, Hasen, Flaum­fe­dern, Wol­ken, sowie alles was leicht ist: wie­der­um Wol­ken und Flaum­fe­dern, Blät­ter aller Art, Schmet­ter­lin­ge, flie­gen­de Vögel und alles was mit ange­neh­mem Duft asso­zi­iert wird, näm­lich: Blu­men aller Art. Sel­ten sind Moti­ve, die edel wir­ken sol­len, wie zum Bei­spiel die Lilie der Bour­bo­nen (beson­ders pikant: die­ses fran­zö­si­sche Hoheits­zei­chen auf einem eng­li­schen Toi­let­ten­pa­pier von Marcs and Spen­cer …). Eben­so sel­ten sind Anspie­lun­gen auf das Was­ser, wie Fische, Muscheln und ande­res Was­ser­ge­tier. Dass man mit all die­sen lie­bens­wer­ten Geschöp­fen etwas weni­ger Schö­nes macht, scheint nicht Gegen­stand der Über­le­gun­gen zu sein.

Zusät­ze

Man­che Toi­let­ten­pa­pier­sor­ten wer­den par­fü­miert, ger­ne mit Kamil­le-, Pfir­sich- oder Rosen­duft. Ande­re wer­den anti­bak­te­ri­ell aktiv. Eine Abart bil­det Scherz-, Kunst- und Wer­be-Toi­let­ten­pa­pier (»Ambi­ent Media«), das dem Benut­zer statt bedeu­tungs­lee­rem Dekor amü­san­te oder tief­grün­di­ge Inhal­te zur Lek­tü­re anbie­tet (eher sel­ten). Außer­dem gibt es noch feuch­tes Toi­let­ten­pa­pier, mit einer pfle­gen­den Rei­ni­gungs­lo­tion getränkt, das jedoch nicht auf der Rol­le ver­kauft wird, son­dern zusam­men­ge­fal­tet oder -gerollt, in luft­dich­ten Plastikboxen.

Wer nun eigent­lich für die Gestal­tung von Toi­let­ten­pa­pier zustän­dig ist, bleibt der Spe­ku­la­ti­on über­las­sen. Erwie­sen ist jedoch, dass noch kein renom­mier­tes Design­bü­ro je in die­sem Sek­tor tätig war, denn bis heu­te gibt es erstaun­li­cher­wei­se so gut wie kein Desi­gner­toi­let­ten­pa­pier. Auch an den Design(hoch)schulen ist dies kein Gegen­stand der Betrach­tun­gen. Über­haupt haben wir hier eine wirk­li­che Design-Wüs­te vor uns. Trotz aller exis­tie­ren­den Vari­an­ten ist Toi­let­ten­pa­pier nach wie vor einer der kon­ser­va­tivs­ten Berei­che der gra­fi­schen Gestal­tung – ein erstaun­li­cher Umstand, um nicht zu sagen: Missstand.